
Vor Jahren hat sich die Hotelfachfrau aus Aschaffenburg beim Liftfahren im Skigebiet an dem kalifornischen See in den Amerikaner Dick verliebt. Beide betreiben jetzt das "Tahoma Meadows Bed & Breakfast Cottages" und haben festgestellt: Die Hälfte der Gäste, die bei ihnen übernachtet, tut das wegen des Frühstücks.
Ulli und ihr Mann nehmen das nicht persönlich. Leicht ließe sich vermuten, die Betten in den alten, restaurierten roten Hütten auf dem Waldgelände seien vielleicht etwas schäbig. „Nein, nein“, wehrt sie lachend ab, „die roten Holzhäusern aus den 20er Jahren haben wir doch so liebevoll restauriert.“ Zumindest haben die im alten Stil geformten Badewannen Krallenfüße, und auf dem Bett wartet ein großer schwarzer Schmusebär auf die Gäste. Im „lonely planet Kalifornien“ ist deshalb unter „Tahoma Meadows B&B Cottages“ sogar eine Warnung untergebracht: „Nicht erschrecken: Auf dem Bett empfängt ein großes Plüschtier die Gäste.“ Der Bär ist käuflich.
Der Gästezulauf muss also an dem „Mörder-Frühstück“ liegen, wie es neulich ein örtlicher Reporter schrieb. Ulli und ihr Mann sind bei den Breakfast-Hotels am Lake Tahoe gerade auf Platz eins gelandet – von 15 insgesamt. Sogar die New York Times preist ihr Frühstück. Es ist deutsch, vielleicht punktet sie damit. In diesem Teil Kaliforniens hat sie jedenfalls eine neue Ess-Klasse etabliert. „Ach“, gibt sich Ulli White ganz bescheiden, „wir haben zwar gute Ideen, aber es sind auch unsere Gäste, die viel beisteuern.“
Linda Van Vossen, die gute, amerikanische Küchenseele im Haus, zeigt sich ebenfalls experimentierfreudig. „Ich weiß einfach, was sich gut mischen lässt – German Pfanna Kuchen hat bei mir sechs Eier, eine halbe Tasse Honig, zwei Esslöffel Butter und einen halben Teelöffel Vanille.“ Dazu reicht sie Äpfel oder Bananen. „Mächtige Grundlage, frische Ergänzung“, flötet sie fröhlich und hat sich schon wieder in einen Kartoffelauflauf vertieft.
Es ist die Vielfalt, die ihnen das Prädikat „Mörder-Frühstück“ eingebracht hat. Während andere Hotels langweiligen Standard mit Eiern, Rührei, Schinken, Speck, Tee, Toast und Kaffee bieten, hat Ulli ein Händchen fürs Besondere. Sie fährt auf. Sie hat Tomaten auf Bruschetta. Es gibt Spinat mit Fetakäse. Eine Obstplatte, alles mundgerecht geschnitten, steht auf jedem Tisch. „Die Gäste sollen ruhig zu sechst zusammen sitzen, da sprechen sie vielleicht miteinander“, beschreibt sie einen weiteren möglichen Genuss beim Essen. In den USA sitzt sonst jedes Paar gern für sich.
Würstchen mit Chili überbacken sind gerade von Linda fertig gestellt. „Gleich ist der Beerenpuddingkuchen ausgebacken“, kündigt sie an. Müeslis mit Körnern, wie sie Deutsche mögen, stehen auch bereit. Tatsächlich hat sich ein Gast, der eifrig seine Schale leer löffelt, gerade überlegt, woran seine hohe Wiederholerquote liegt. „Es ist das Frühstück“, bekennt er. „Da kann ich den ganzen Tag Skifahren, Wandern oder was auch immer, ich bekomme erst gegen 17 Uhr wieder Hunger.“
Obwohl es nur ein B&B-Haus ist, kennt Ulli ihre Sparvögel. „Die brauchen mittags nirgends einzukehren“, sagt sie selbstsicher, denn solange hält das Frühstück vor, das ab 8 Uhr in der Haupthütte, erster Stock, serviert wird. Ab 17 Uhr hält sie am selben Ort dann Käse und Wein bereit. „Alles gratis“, wie sie betont. Die Gäste mögen es, nach ihrem Tagesausflug den nächsten Happen zu sich zu nehmen. Dann hat Linda weitere Gerichte gezaubert, die sich jeden Tag abwechseln. Es stehen Scones bereit. Es gibt Tee. Vor allem gehört zum Essen immer der Blick durch die Bäume zum großen, 300 Meter tiefen, klaren See.
Frühstück mit Ausblick. Bestes Trinkwasser aus dem Wasserhahn. Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch, egal zu welcher Jahreszeit. Das sind die Beilagen zum Frühstück. Für morgen früh ist schon das Banana Coconut Nut Bread vorbereitet. „Lecker, ich habe gerade genascht“, bekennt Ulli. „Mein Mann hat morgen früh Küchendienst.“
In die amerikanische Frühstückskultur hat sie Vitamine eingebracht, aber auch kräftige Eierspeisen. Es liegt ihr am Herzen, Apple Pastry auch so zu backen, dass ihre Gäste immer mehr wollen. Sie weiß, wie es hier in der Höhe mit dem Luftdruck steht und wie viel Backpulver deshalb mehr in den Teig muss. Sie bietet Obst an, aber auch Nüsse, Kartoffelspeisen und Gemüse. „Die Leichtigkeit des Speisens wird bei uns durch die Nachhaltigkeit der Nahrung ergänzt“, flüstert Linda.
Alle Rezepte sind tausendmal erprobt und variiert. Die Gäste liefern Impulse, schicken Mails, empfangen im Gegenzug neue Rezepte. Die „Frühstücksgeheimnisse“ sind so etwas wie ein ständig neu programmierter Festplattenspeicher. Es ist ein „atmendes Rezeptbuch“, das jeden Tag ein bisschen raffinierter wird. „Wir haben diese Spiralbindung“, plaudert Dick White aus der Druckerpraxis, „so können wir jede Seite einzeln erneuern.“ Bisher sind es 42 Seiten DIN-A4.
Die beiden geizen nicht mit ihren Geheimnissen. Auch auf ihrer Web-Seite geben sie einige preis. Sie scheinen zu wissen: Der Kenner kommt vorbei. Gäste aus Europa seien neulich das dritte Jahr an den Lake Tahoe gekommen, hätten aber woanders gewohnt, erinnert sich Dick. „Doch sie wollten unbedingt bei uns zum Frühstück kommen. Sollen sie!“ Dann freuen sie sich über den Zuspruch und erinnern an die Leichtigkeit des Kochens oder Backens: „Was wir tun, ist nur, Rezepte auszuprobieren, es ist nichts, um sich das Gehirn zu zermartern.“
Informationen
Lage: Der Lake Tahoe liegt auf etwa 1900 Metern im Nordosten Kaliforniens und ist der größte Bergsee der USA, 33 Kilometer lang. Zwölf Skigebiete reihen sich in der Umgebung. Dazu gehört Squaw Valley, wo 1960 die olympischen Winterspiele ausgerichtet wurden. Die Gegend um den See ist ein beliebtes Ziel für Wanderer, Naturfreunde und Kanufahrer.
Anreise: Flug Deutschland-San Francisco ab etwa 500 Euro, verschiedene Fluglinien wie KLM oder United, Weiterflug nach Reno, dann Shuttle, Tel. 001/866-216-5222, oder mit dem Zug (Amtrak) von San Francisco bis Truckee, www.laketahoetransit.com
Übernachten: Tahoma Meadows B & B Cottages, mit der Deutschen Ulli White, die ein eigenes Rezeptbuch herausgibt und riesige Frühstückbüfetts anbietet: 6821 West Lake Blvd/Hwy 89, P.O. Box 234, Tahoma, CA 96142, Tel. 001/530-525-1553, www.Tahomameadows.com
Lesen: Lonely Planet Kalifornien, 880 S., 1. deutsche Ausgabe, Oktober 2009, ISBN 978-3-8297-1649-9; 26,95 Euro.
Auskünfte: North Lake Tahoe Visitors & Convention Bureau, P.O. Box 1757, Tahoe City, CA 96145, Tel. 001/530-581-8703 oder 001/800-462-5196, www.GoTahoeNorth.com und www.visitcalifornia.de
Bilder: © Mariusz Blach - Fotolia.com (Teaser), Knut Diers